Stadtangst

Unbekannte Nummer! Er schaute auf das Display, als wäre er mit einer Anmaßung konfrontiert. Sein bereits ausgestreckter und etwas schief geratener Zeigefinger zögerte. Aber die Neugier siegte. Das hatte er vorher schon gewusst.

„Ja?”

„Ja?”

„Ähm ja, Tanner mein Name, Martin Tanner.”

„Ich interessiere mich für den Tageskurs gegen Stadtangst, diese vier Level”, sagte der Anrufer in einer Tonlage zwischen Hoffnung und Skepsis.

„Was?”, sagte Tanner, als traute er seinen Ohren nicht.

„Bin ich denn nicht richtig bei Stadtangst adé? Wie hieß die Seite denn noch? Ah, Moment – therapie-gegen-stadtangst.de.”

„Ähm, ah ja, ja genau. Wie haben Sie die denn gefunden?”

„Über Bing.”

„Über Bing?”

„Ja, Bing, kennen Sie nicht?”

„Dochdochdoch, Bing, genau, habe ich schon mal gesehen.”

Tanner hörte ein Schnaufen auf der anderen Seite des Gesprächs, dessen Ende wohl nun in seiner Hand lag. Er beeilte sich, zu fragen, was er denn für den Anrufer tun könne, und war unzufrieden mit der Hast seiner Frage.

„Ich würde Sie gerne buchen und ob Sie noch Termine frei haben?”

„Ah, Termine, die lieben Termine, die machen einem so oft einen Strich durch die Rechnung.”

„Keinen mehr frei?” – Und in seinem Schnaufen war deutlich die Enttäuschung zu hören.

„Dochdochdoch, ich meinte nur so. Aber diese Woche nicht mehr” – schließlich brauchte Tanner eine Denkpause für diese unerwartete Anforderung.

„Schön, kein Problem, ganz so dringend ist es nicht – ich muss auch erst in gut drei Wochen nach Gelsenkirchen. Ich komme ja etwas von außerhalb. Aber bieten Sie Gelsenkirchen denn überhaupt an?”

„Zufällig wohne ich hier, Gelsenkirchen ist sozusagen meine Spezialstadt.” Wäre es nur ein einsamer Gedanke gewesen und kein Teilnehmergespräch, Tanner hätte sofort gelacht. Er lachte gerne auch mit sich. Zugleich fiel es ihm leicht, diesen Impuls zu unterdrücken; dafür war die Situation eben viel zu ernst.

„Was für ein Glück für mich” – und eilig schob er hinterher – „ginge es denn nächste Woche schon?”

In letzter Sekunde verschluckte Tanner das schnelle Ja und betonte die Suche nach seinem Kalender, der, papiertreu wie Tanner eben war, noch aus Baumbeständen bestand und natürlich nicht dort lag, wo er liegen sollte.

„Einen Moment bitte.”

„Ich habe Zeit, keine Eile …”

Tanner verbreitete in den nächsten Sekunden eine Art von hörbaren Bemühungen. Den Kalender vor Augen raschelte er mit einem Blatt, schob an einer schlecht gelaunten Espressotasse und rief – „Sekunde, bitte” –, während der potenzielle Teilnehmer hörbar wohlwollend, kein Problem versprach.

„Und Sie möchten …”

„… alle vier Level buchen!”

„Ah, ähm, ja, alle vier Level. Gerne.”

Tanner blätterte noch eine Runde in seinem Kalender.

„Ähm, ja, ginge es am Mittwoch um 10 Uhr?”

„Perfekt”, war die Antwort, und der Anrufer schob hinterher, dass er in der kommenden Woche Urlaub habe und wie gut es das Universum mit ihm meinte, dass Urlaub und Termin so gut zusammenfielen.

„Ja, das ist prima”, bekräftigte Tanner, während er überrascht den metallenen Drehbleistift auf das Papier setzte und fragte:

„Wen kann ich denn eintragen?”

„Ach so, na klar. Walter Walther. Aber der Nachname mit TH und der Vorname ohne H.” Herr Walther schien angestrengt zu pausieren, bevor er ausatmend hinzufügte: „Immerhin.”

„Sehr schön, also Walter nur mit T, Herr Walther?”

„Ganz genau.”

Tanner hätte nicht sagen können, was ihn zu der folgenden Idee verführt haben könnte. Ob es der Teufel oder ein Schutzengel mit höherem IQ als jene in der Versicherungsbranche gewesen war, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, aber er hörte sich mit ungewöhnlich sachter Stimme Sätze sagen, die entsprechend ihrer Zufälligkeit leicht holprig daherkamen.

„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber bevor ich” – er stockte, und wie Symbole eines Spielautomaten liefen die Wörter Patient, Klient, Kunde durch sein altes Hirn – „Teilnehmer annehme, stelle ich immer” – er fühlte sich mit diesem Immer deutlich unwohler, aber zum Glück nur für einige Millisekunden – „eine Frage, die auf den ersten Blick mit dem Thema nichts zu tun hat.”

Wie lange einige Sekunden Schweigen dauern können, dachte Tanner und war überrascht von der Antwort.

„Nur zu. Wenn ich schon jemanden anrufe, der mir bei der Entsorgung” – er grunzte einen Lacher an – „meines Bammels vor Gelsenkirchen helfen könnte” – er betonte das Könnte, indem er das Ö ziemlich dehnte, aber vielleicht war es auch ein Sprachfehler – „dann muss man in gewisser Weise schon ein klein wenig verrückt sein.”

„Natürlich im positiven Sinne”, sagte Tanner.

„Genau, genau. Gut, dann raus damit!”, rief er etwas zu gut gelaunt.

„Was denken Sie über die Bezieher von Bürgergeld?”

Einige Sekunden geschah nichts. Tanner hörte Walther atmen. Gleich legt er auf, dachte Tanner schon überzeugt.

„Ich lese keine BLÖD, wenn Sie das meinen.” Es klang leicht beleidigt, doch auf dem Blöd lag auch ein Hauch Amüsement.

„Sie sind aber schnell im Kopf!”, sagte Tanner, und der Respekt, der mitklang, war nun wirklich echt.

„Danke sehr.”

„Ohne eine gewisse Durchlässigkeit im Denken kann ich eben nicht helfen.”

„Bingo” – was nun gar nicht zu Herrn Walther passte. Aber gut, Tanner war nun fest entschlossen, seinem ersten Teilnehmer zu helfen, während eine Level-Idee in ihm keimte.

***

Herr Walther kam tatsächlich. Tanner hatte ihm versichert, dass er in einem ruhigen Stadtteil wohne und das Level 1 in seiner Wohnung stattfinden würde. Das Leben draußen warte auf sie, sie würden es beobachten. Bei Kaffee und Tee, wobei Herr Walther entschieden Kräutertee bevorzugte, wie sehr Tanner auch seinen Kaffee anpries. Gut versorgt saßen sie an einem Tisch und schauten aus dem großen Fenster, während Tanner erzählte, wer hier alles wohnte. Wie zur Bestätigung erschienen manche dieser Menschen, als wollten sie Tanners Erzählungen zuvorkommen. Sie kamen aus den Haustüren oder traten auf einige der Balkone des schräg gegenüberliegenden zweistöckigen Reihenhauses. Reihenhäuser, die zwischen einer langen Reihe denkmalgeschützter Zechenhäuser, einem Park mit Ententeich und einem weitläufigen Sportplatz verteilt waren, hier und dort großzügige Wiesen mit Wäschetoren dazwischen. Viele der Häuser gehören wohl einer Wohnungsbaugesellschaft.

„Ziemlich ruhig hier“, sagte Herr Walther, „das will man gar nicht meinen.“

„Sie werden es nicht glauben, aber das ging mir genauso, als ich hierherzog.“

Unten erschien nun eine dickliche Frau an der Haustür. Sie trug ein buntes Kopftuch und hatte einen Eimer und einen Schrubber in der Hand.

„So gründlich wie sie habe ich auch in meinen besten Jahren keinen Flur geputzt“, sagte Tanner. Herr Walther sah ihn verständnislos an, was Tanner aber nicht bemerkte.

„Sie hat auch die beiden Pflanzen am Eingang gesetzt“, fügte Tanner hinzu.

„Warum denn?“, fragte Herr Walther.

Jetzt sah Tanner verständnislos drein und sagte dann so trocken wie möglich:

„Damit es alle schöner haben am Eingang. Das ist hier gar nicht so selten. An einigen Eingängen gibt es sogar Blumenrabatte, Vogelhäuschen, gemütliche Sitzgelegenheiten und kleine Bäumchen. Hier um die Ecke, an dem großen vierstöckigen Reihenhaus zum Beispiel. Wir können gerne einmal vorbeischauen.“

Herr Walther rutschte kurz über den Stuhl, hielt die Tasse vor dem Mund und schüttelte vielsagend mit dem Kopf, bevor er sagte:

„Ich glaub’s Ihnen gerne.“

Plötzlich fuhr ein Kleinbus mit Behindertenzeichen in den Hof hinein und hielt. Ein dunkelhaariger, dünner Junge stieg aus und ging zögerlich an der Frau vorbei, die aufhörte, den Eingang zu schrubben, als sie den Jungen sah. Sie schaute ihm stumm hinterher, goss dann etwas Wasser nach und schrubbte kräftig die rauen Fliesen vor der Eingangstür.

„Es ist wirklich erstaunlich ruhig hier“, sagte Herr Walther.

Tanner nickte, nippte dann an seinem Espresso und war froh, dass die wohl alleinerziehende Frau eilig um die Ecke kam, den schweren Maxi-Cosi in der Armbeuge (die Beine des Kindes baumelten lang heraus), beladen mit einer Umhängetasche und einer prallen Plastiktüte.

„Die hat schwer zu tragen. Tagaus, tagein“, sagte Tanner.

Auch Herr Walther schien das Geschehen nun zu interessieren.

„Hat die denn keinen Mann?“, fragte Herr Walther.

„Zierliche Person …“, schob er hinterher.

„Ich habe noch keinen gesehen. Tja, die Frauen, manchmal denke ich, in Wirklichkeit sind sie das stärkere Geschlecht.“

„Aber Herr Tanner, das ist jetzt nicht Ihr Ernst.“

„War nur ein Scherz am Rande“, sagte Tanner und hüstelte den Rest Kaffee in seiner roten kleinen Tasse an. Jedenfalls wohne er gerne hier, vor allem gefalle ihm die Tatsache, dass unter seinem Fenster keine Durchgangsstraße liege.

„Ist es denn immer so ruhig hier?“, fragte Herr Walther, immer noch der Frau mit Maxi-Cosi nachschauend, die jetzt ihren Schlüssel suchte.

„Nicht immer, klar. Wenn die Landschaftsgärtner mit fetten Rasenmähern, Laubbläsern und Heckenscheren kommen, ist es mit der Ruhe vorbei“, sagte Tanner.

„Die ganzen Grünflächen müssen halt auch gepflegt werden.“

Tanner wollte sich gerade beschweren, dass das aber manchmal dumm sei, eine durch Dürre ausgetrocknete Wiese zu mähen, aber er schaute nur enttäuscht in seine Espressotasse und sagte:

„Aber sie kommen höchstens zehnmal im Jahr, da ist es in vielen Eigenheimsiedlungen anders.“

Herr Walther horchte auf: „Wem sagen Sie das!“

Etwas gedankenverloren lobte Herr Walther nun die vielen großen Bäume hier, die seien ihm schon bei der Ankunft aufgefallen. Tanner freute sich, denn an den Bäumen hatte er jeden Tag seine Freude.

„So ein Hof mit Parkplätzen hat auch manchmal was zu bieten“, sagte Tanner, und Herr Walther sah ihn daraufhin auch einmal wieder an.

„Letztens hat ein älterer Mann hier seinen gewienerten Wagen hingestellt und allzu lange mit einem sehr lauten, sehr hochfrequenten Staubsauger gesaugt, weil er wohl dem Nanostaub auf der Spur war. Ich wollte schon meckern von meinem Balkon aus. Aber da stand der Nachbar von oben auch schon unten. Ich dachte zuerst, sie würden sich unterhalten. Aber nein, der Nachbar schimpfte, weil er es nicht einsah, dass man gerade hier im ruhigen Hof sein Auto so laut und lang saugen müsse. Der ältere Mann ignorierte ihn mehr stur als stoisch, bis der Nachbar nach einiger heftiger Fuchtelei aufgab und ging. Der war rot angelaufen vor Wut oder vor Kopfschütteln. Und ich hatte mein Vorhaben prompt vergessen.“

„Und sonst ist nichts passiert?“

„Nö. Jedenfalls habe ich nichts gehört. Auch keine Post-Schlägerei, haha.“

„Ja, haha, man muss es auch nicht übertreiben“, sagte Herr Walther etwas pikiert.

„Eben – was meinen Sie, sind Sie bereit für Level 2?“

„Bingo!“

***

Auf dem Weg in einen Biergarten, vorbei an einem See und kleinen Wiesen, gesäumt von alten und jungen Bäumen, fragte Herr Walther, sich immer wieder umschauend, wie er auf die Idee gekommen sei, diesen Tageskurs anzubieten.

Tanner überlegte kurz.

„Auf einer Wanderung behauptete eine Frau, sie würde auch im Hellen nie allein durch Duisburg gehen. Ich fragte, ob sie Marxloh meine, aber sie verdächtigte ganz Duisburg. Mit einer Ehrenrettung der Stadt hatte ich keinen Erfolg, sie beharrte auf ihrer Duisburgpanik.”

„Verrückt”, murmelte Tanners Teilnehmer und fragte, ob er auch Duisburg im Programm habe.

„Ja, Duisburg, Herne auch …”

„Herne auch?”

„Genau, teilweise, genauso wie Dortmund.”

„Und auch ausländische Städte sogar?”

„Ausländische? Hm, ja, noch gar nicht drüber nachgedacht. Aber ohne Partner ginge das wohl nicht.”

Tanner schien selbst nicht daran zu glauben, denn das Wort Partner entkam in einer gedankenverlorenen Tonart. Aber schon der nächste Satz zeigte, wie schnell man sich in Tanner täuschen konnte:

„Aber Gaza oder Moskau wären nicht meine Liga.”

***

Im Biergarten, der viele Sitzgelegenheiten unter alten Platanen und sogar direkt an einem Teich mit Wasserfontäne bot, gingen beide auf die Ausgabestelle zu, die in einem alten Häuschen mit gekachelten Fenstern untergebracht war. Sie kamen gleichzeitig mit einem robust gebauten Mann mit schwarzem Dreitagebart an, der ihnen mit ausgestreckter Hand bedeutete, dass er sie vorlasse. Tanner bedankte sich mit einem Lächeln. Es kam zu einem kurzen Austausch über die Kunst des Wartens, während Herr Walther etwas linkisch auf Abstand blieb. Und kaum saßen sie mit ihren Getränken auf den schweren Klappstühlen aus Eisen und Holz, da hörte Tanner:

„Was wollte der mediterrane Kollege denn?”

„Wie bitte?”

„Ähm … ja … der Mann gerade.”

„Ich glaube … nur freundlich sein. Was vermuten Sie?”

„Hm … irgendwie schien’s mir … scheinheilig?”

„Wegen der dunklen Haut?”

„Hm, nee …” haspelte Herr Walther, während er abrupt fortfuhr: „Er sprach auch perfekt Deutsch.”

„Dritte Generation wohl”, sagte Tanner, während er ein wenig grimmig in seinen Kaffeepott schaute. „Ohne alle drei wäre Gelsenkirchen aber richtig arm.”

„Vermutlich”, sagte Herr Walther etwas gedehnt und schaute noch einmal zur Ausgabe hinüber.

„Der Kaffee ist hier nicht der beste”, sagte Tanner und rührte ungehalten das Kakaopulver aus dem Schaum. „Unsitte”, murmelte er.

„Aber gut, wenn Sie wollen, können wir gleich Level 3 entern”, sagte Tanner. Herr Walther, der mit seinem Tee offensichtlich zufrieden war, nickte aufmunternd und sagte, wenn drei auch so leicht sei, folge er gerne.

„Innenstadt”, sagte Tanner und wartete auf eine Reaktion, doch Herr Walther schien unbeeindruckt. Da habe sich einiges getan, fuhr Tanner fort, und dort gäbe es echt guten italienischen Kaffee, auch wenn man von Gelsenkirchen eher so eine Plörre wie hier erwartet.

„Und wirklich interessante Teesorten”, fügte er schnell hinzu.

„Umso besser”, sagte Herr Walther.

„Gut, dann fahren wir mit der Straßenbahn, die Haltestelle ist nicht weit”, sagte Tanner.

„Straßenbahn? Haben Sie kein Auto?”

„Doch ja, aber die Straßenbahn gehört mit zu Level 3”, sagte Tanner.

„Ach so”, sagte Herr Walther leise und schien etwas sagen zu wollen.

„Aber wir können auch gerne mit meinem Auto fahren”, sagte Herr Walther, aber sein Versuch klang schon etwas halbherzig.

„Den ganzen Weg wieder zurücklaufen? Die Haltestelle ist nicht weit. Außerdem parkt es sich auch in der ärmsten Stadt der Republik nicht gut.”

„Oder gerade deswegen?”

„Das kann auch sein. Es sind nur sieben Haltestellen. Wir fahren auch an der Arena vorbei, die lebt gegen jedes Vorurteil.”

„Kenne ich! Schönes Stadion”, sagte Herr Walther. „Trat dort nicht im letzten Jahr diese Popikone auf?”

„Ja, genau. Sie hat’s überlebt.”

Beide lachten.

Als sie später an der Haltestelle standen, wollte Herr Walther doch nicht mitfahren, da er sich schon recht geheilt fühle. Tanner ließ es sich aber nicht nehmen, den Cafébesuch in der City und den lockeren Kontakt zu einem beliebigen Bettler anzusprechen als Teil von Level 3. Das Büro der Blauen hätte er auch noch im Programm, sozusagen als Konfrontation mit Nutznießern der Stadtangst. Herr Walther reagierte ungerührt auf den letzten Satz und fragte nur:

„Und Level 4?”

„Bahnhof!”

Sie schwiegen.

„Was bekommen Sie überhaupt für Ihre Arbeit?”, fragte Herr Walther plötzlich, als sie gemeinsam zu seinem Auto gingen. Tanner zögerte, räusperte sich, ja schien verlegen.

„Gar nichts”, sagte er. „Stadtangst adé … ist nur … aber lassen wir das.”

Autor Ralph Segert